Eloge an den Winter

09Mai09
…oder: Warum ich mir manchmal wünsche würde, dass die dunklen Monate länger andauern.
cc Lizenzen jugendfotos.de

Hallo. Mein Name ist Katharina, ich bin Single und momentan tierisch genervt. Nicht, wie man vorschnell vermuten könnte, von meinem Beziehungsstatus, sondern vom Frühling, der momentan zumindest phasenweise über Berlin einbricht.

Vorweg sollte man vielleicht noch klarstellen: Ich bin nicht verbittert, verzweifelt oder auf sonstige Art und Weise chronisch griesgrämig. Eigentlich würde ich mich prinzipiell sogar als latent monophobisch bezeichnen. Trotzdem gehöre ich nicht zu der Sorte Menschen, die sich bereits kurz nach Neujahrsbeginn (oder besser noch: bereits zur Weihnachtszeit) auf den Frühling freuen.

Dies liegt nicht etwa an einer Pollenallergie oder extremer Sonnenlichtanfälligkeit sondern an einer Spezies die ich an dieser Stelle ‘homo paaricus nervicus’ taufen möchte.

Mit den ersten, auch nur annähernd wärmenden, Frühlingssonnenstrahlen kommen Mitglieder dieser licht- und blumenaffinen Gattung und solche, die es vielleicht demnächst mal werden wollen, wie Murmeltiere aus ihrem Winterquartier gekrochen. Wo vorher eine Armee von Regenschirmen im Eiltempo durch die Straßen Berlins lief, trifft man zu dieser Jahreszeit hauptsächlich auf turtelnde, händchenhaltende Zweier-Gruppen.

Sei es auf S-Bahnhöfen, in den Kassenschlangen am Supermarkt oder an der nächstgelegenen Ampel… Wo sie sich eigentlich aktuell befinden ist dieser extrem kritikresistenten, stets im Doppelpack auftauchenden, Erscheinung völlig egal.  Alles scheint nach dem Prinzip: „Zusammen ist man weniger allein“ zu funktionieren. So gibt – gefühlt – ganz Berlin seinen Wunsch nach Selbstverwirklichung und eigener Identität auf, um in einem Pärchen-Einheitsbrei zusammenzuschmelzen. Klingt vielleicht fies, ist aber, wenn wir mal einen Moment ehrlich sind, so… Neben einem eigenen Willen und dem Recht auf eigene Meinung geht aber auch die Fähigkeit auf ein angemessenes Schritttempo, wie sonst könnte man sich sonst alle drei Sekunden verliebte Blicke zuwerfen und sich in einem unerhörten Maße mitten auf der Straße abschlabbern, verloren. Sinnbildlich ist hierbei der Dialog  zwischen Paarhälfte 1 und Paarhälfte 2, der aufgrund seiner immensen Länge hier nur in groben Zügen wiedergegeben werden kann:

cc Lizenzen by jugendfotos.de

„Duuhuuu… Schatzi? Was machen wir denn heute Abend?“

„Mhhhh… Hasi… Egal… Was du möchtest“

„Ja, aber ich will auch nur das machen, was du möchtest…“

…und das alles selbstverständlich in Endlosschleife und einer Lautstärke, die selbst ein Rockkonzert übertrifft. Große Variation ist bei Gesprächen dieser Art vollkommen überbewertet und so wird man diesen und ähnliche Gesprächsfetzen in den kommenden Wochen und Monaten wohl noch viel zu häufig hören.

Die traute Zweisamkeit wird nämlich stets ohne Rücksicht auf Verluste zelebriert.

Hauptsache man beweist sich und vor allem dem gesamten Umfeld, in dem man sich gerade aufhält, wie wahnsinnig glücklich und (neu-)verliebt man ist.

Natürlich können die armen Menschen auch nichts dafür. Schließlich sind sie ihrem Hormon- und Enzymcocktail hilflos ausgeliefert. Aber schrecklich nerven, das tun sie trotzdem! Oder vielleicht sogar gerade deshalb… Wie soll man auch seinem Gegenüber klarmachen, dass er sein Privat- und Liebesleben doch bitte woanders ausbreiten soll. Am besten unter Ausschluss jeglicher Öffentlichkeit, wenn er, von Mutter Natur und seinen Instinkten geleitet, gar nicht anders kann als sein Revier, sprich die dazugehörige Paarhälfte, permanent als besetztes Territorium zu deklarieren. Die Konkurrenz schläft bekanntlich nicht… und wer es erstmal geschafft hat ein einigermaßen akzeptables Puzzlestück gefunden zu haben, wird diesen Lebensabschnittsgefährten verständlicherweise auch gegen alles und jeden verteidigen. Versteh ich ja… Respektieren oder tolerieren kann und muss ich es glücklicherweise aber nicht.

Beim nächsten „Hasi-Pupsi-Mausi-Flausi“ kann ich somit für die Sicherheit meiner Mitmenschen nicht mehr garantieren. Ein kleiner Schubs in Richtung Gleise kann da wahre Wunder bewirken… Und so wird von mir, bei extremen Liebesbekundungen in der Öffentlichkeit, sogar Axtmord zeitweilig als Problemlösung in Betracht gezogen.

Ein großer Verlust geht damit jedoch nicht einher. Doppelpack-Menschen verhalten sich wie Lemminge. Wo ein Paar auftaucht, gibt es definitiv noch mehr. Erfahrungsgemäß kommen also für jedes Paar, welches man, auf legale oder illegale Weise vergrault, gleich zwei neue aus irgendwelchen dunklen Ecken ans Licht empor gekrochen. Der Zauberlehrling lässt an dieser Stelle grüßen… Einen Ausweg aus diesem Schlamassel habe ich bisher, zum Nachteil meiner Nerven, noch nicht entdeckt. Diese extrem aufmerksamkeitsheischenden Wesen sind scheinbar unzerstörbar und vor allem unverbesserbar. Spitze Bemerkungen müssen zum Teil wirklich bis an die Schmerzgrenze getrieben werden, um überhaupt zur Kenntnis genommen zu werden. Obwohl ich mich eigentlich für mehr oder minder eloquent halte, bin sogar ich an mancher Stelle mit meinem Latein am Ende. Sachdienliche Hinweise nehme ich insofern gerne jederzeit entgegen!

Was also tun? Man kann sie scheinbar weder loswerden, noch zerstören. Man kann ihnen nicht aus dem Weg gehen (egal wohin man geht… die sind überall!) und sich zu Hause einschließen und warten, bis wieder Winter ist, ist irgendwie auch keine Alternative. Da nasskalte Tage, lange dunkle Nächte und Temperaturen um 0 Grad immer noch das einzige Rezept gegen diese penetranten Nervensägen sind, bleibt dem normalen Menschen also anscheinend nichts weiter übrig als sich bereits auf den nächsten Winter oder zumindest auf das nächste Tief zu freuen und zu hoffen, dass das damit einhergehende matschige, kalte Wetter noch möglichst lange anhält.

Ansonsten gibt es ja immer noch die Möglichkeit seine Freizeit damit zu verbringen Regentänze zu lernen…

Autor: Katharina Langbehn



Eine Antwort auf „Eloge an den Winter“

  1. 1 Prof. Dr. Schalk

    Sehr geehrte Frau Langbehn,

    auch wenn ich Sie nicht kenne und ihr Text schon fast ein Jahr alt ist, möchte ich dennoch eine kleine Kritik los werden, zumal sich die jahreszeitlichen Umstände gerade wieder zyklisch erneuern.
    Ich vermute, dass gerade Ihr damaliger Beziehungssatus, entgegen Ihrer Behauptung, ein wesentlicher Auslöser für das Schreiben Ihres Textes war.
    Stellen Sie sich vor, dass sie zu dieser Zeit gerade selbst frisch verliebt gewesen wären. Vermutlich hätten Sie die anderen Paare ignoriert.
    Mir scheint, dass Ihnen auch der Neid in die Fingerspitzen fuhr und sie nicht zuletzt deshalb Ihre Abneigungen publiziert haben.
    Verweigern Sie sich nicht gleich in Gänze meiner Argumentation. Ihr Text läßt für mich eindeutig erkennen, dass Sie sich zu jener Zeit selbst jemanden gewünscht haben, an dem Sie herum schlabbern können.
    Vergessen Sie nicht, dass auch Sie selbst gerade zur Frühlingszeit hormonellen Einflüssen ausgesetzt sind.

    Dass sie sich nicht auf den Frühling freuen, glaube ich weniger. Ebensowenig wie ich glaube, dass sie sich bereits im Winter über turtelnde Paare im Frühling Gedanken machen.
    Außerdem sollten Sie sich die Frage stellen, ob für einen Menschen nicht gerade ein Partner Teil von Selbstverwirklichung sein kann.

    Das übermäßiger Austausch von Zärtlichkeiten nicht in die Öffentlichkeit gehört, haben Sie aber gut erkannt.
    Darum möchte ich Ihnen doch noch eine 3 geben. Auch weil die Ortografie völlig in Ordnung ist und Ihre Zitate die eigentliche Grundkritik gut unterstreichen. ;)


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s


Follow

Get every new post delivered to your Inbox.